Verlassenschaft: Dauer und Kosten des Verfahrens in Österreich
Robin Engelhart • 02.11.2026
Inhaltsverzeichnis
Eine Verlassenschaft dauert in Österreich ohne Streit und ohne Liegenschaft meist 6 bis 12 Monate, vom Todesfall bis zum rechtskräftigen Einantwortungsbeschluss. Gehört eine Liegenschaft dazu oder gibt es mehrere Erben, sind 12 bis 18 Monate üblich, bei Streit um das Erbrecht auch zwei bis drei Jahre. Eine gesetzliche Frist für das ganze Verfahren gibt es nicht.
Der Ratgeber ist für Angehörige, die gerade die Ladung zur Todesfallaufnahme bekommen haben oder vor einer Wohnung stehen, deren Miete weiterläuft. Rechtlich verbindlich für Ihren Fall ist die Auskunft des zuständigen Gerichtskommissärs.
Kurz gefasst
- Das Verfahren beginnt nach jedem Todesfall von selbst, ein Notar führt es als Gerichtskommissär.
- Bei Aktiven bis 5.000 Euro ohne Liegenschaft unterbleibt die Abhandlung.
- Bei 100.000 Euro Aktivvermögen ergibt der Notartarif rund 2.800 Euro netto, dazu kommen 5 Promille Gerichtsgebühr.
- Die Miete läuft weiter. Vor der Einantwortung entscheiden nur die vertretungsbefugten Erben oder ein Kurator über Wohnung und Hausrat.
Wie lange dauert eine Verlassenschaft in Österreich?
Ohne Komplikationen dauert eine Verlassenschaft in Österreich nach einer Faustregel aus der Anwaltspraxis etwa neun Monate. Laut Österreichischer Notariatskammer dauern Fälle mit Streitigkeiten oder Bezug zum Ausland länger, ebenso große Nachlässe.
| Fall | typische Dauer bis zur Einantwortung | was Zeit kostet |
|---|---|---|
| Aktiven bis 5.000 €, keine Liegenschaft | Erledigung bei der Todesfallaufnahme möglich | nur Ermächtigung zur Übernahme |
| gesetzliche Erbfolge, Erben einig | 6 bis 12 Monate | Erbantrittserklärungen, Vermögenserklärung |
| Liegenschaft, Testament oder mehrere Erben | 12 bis 18 Monate | Inventar, Schätzung, Grundbuch |
| Streit ums Erbrecht, Auslandsvermögen | 18 bis 36 Monate und länger | Verfahren über das Erbrecht |
Tabelle seitlich verschiebbar
Monatsangaben: Richtwerte laut Brandauer Rechtsanwälte, Stand Mai 2026. Erste Zeile nach § 153 AußStrG. Der Einantwortungsbeschluss wird 14 Tage nach Zustellung rechtskräftig, wenn niemand Rekurs erhebt (§ 46 AußStrG).
Ablauf der Verlassenschaft in vier Schritten
Eine Verlassenschaft läuft in vier Schritten ab: Todesfallaufnahme, Erbantrittserklärung, Vermögenserklärung oder Inventar, Einantwortung. Die Übersicht auf oesterreich.gv.at beschreibt sie ausführlich.
1. Todesfallaufnahme beim Notar
Das Bezirksgericht am letzten Wohnsitz beauftragt den laut Verteilungsordnung zuständigen Notar als Gerichtskommissär. Er lädt Angehörige zur Todesfallaufnahme und erhebt Vermögen, Schulden, Begräbniskosten und mögliche Erben (§ 145 AußStrG). Was Sie mitbringen sollten, steht in der Checkliste unten.
2. Erbantrittserklärung
Der Gerichtskommissär fordert alle möglichen Erben auf zu erklären, ob sie das Erbe antreten. Die Frist beträgt mindestens vier Wochen, aus erheblichen Gründen gibt es bis zu einem Jahr Bedenkzeit (§ 157 AußStrG). Wer unbedingt antritt, haftet für alle Schulden auch mit dem eigenen Vermögen (§ 801 ABGB). Wer bedingt antritt, haftet nur bis zum Wert der Verlassenschaft, dafür wird ein Inventar errichtet (§ 802 ABGB).
3. Vermögenserklärung oder Inventar
Ist kein Inventar nötig, beschreiben und bewerten die Erben das Vermögen selbst in einer Vermögenserklärung (§ 170 AußStrG). Ein Inventar errichtet der Gerichtskommissär vor allem bei bedingtem Antritt oder minderjährigen Pflichtteilsberechtigten (§ 165 AußStrG). Bewegliche Sachen zählen mit dem Verkehrswert, Liegenschaften grundsätzlich mit dem dreifachen Einheitswert (§ 167 AußStrG).
4. Einantwortung
Stehen Erben und Quoten fest, antwortet das Gericht ihnen die Verlassenschaft mit Beschluss ein (§ 177 AußStrG). Erst damit gehört ihnen der Nachlass. Banken und Behörden verlangen den Beschluss mit Rechtskraftstempel.
Sonderwege bei kleinem oder überschuldetem Nachlass
- Unterbleiben der Abhandlung: Übersteigen die Aktiven 5.000 Euro nicht und ist keine Grundbucheintragung nötig, ermächtigt das Gericht auf Antrag die Person mit bescheinigtem Anspruch, das Vermögen zu übernehmen (§ 153 AußStrG).
- Überlassung an Zahlungs statt: Ist die Verlassenschaft überschuldet und hat niemand unbedingt angetreten, bekommen die Gläubiger die Aktiven (§ 154 AußStrG). Häufig ist das die Person, die das Begräbnis bezahlt hat.
In beiden Fällen fällt keine Pauschalgebühr des Gerichts an.
Was kostet der Notar bei einer Verlassenschaft?
Bei 100.000 Euro Aktivvermögen ergibt der Tarif des Gerichtskommissionstarifgesetzes (GKTG) für den Notar rund 2.800 Euro netto, bei 50.000 Euro rund 2.300 Euro, jeweils zuzüglich 20 Prozent Umsatzsteuer und Barauslagen. Gerechnet wird vom Vermögen ohne Abzug der Schulden (§ 3 GKTG). Die Gebühr deckt alle Amtshandlungen samt Todesfallaufnahme ab und wird vom Verlassenschaftsgericht festgesetzt (GKTG im Rechtsinformationssystem). Bezahlt wird in der Regel aus dem Nachlass.
| Posten | Berechnung | Beispiel: 100.000 € Nachlass ohne Schulden |
|---|---|---|
| Gerichtskommissär (Notar) | Stufentarif nach § 13 GKTG vom Aktivvermögen | rund 2.800 € netto, rund 3.400 € mit USt |
| Pauschalgebühr des Gerichts | 5 Promille des Vermögens nach Abzug der Schulden, mindestens 100 € | 500 € |
| Grundbuch, nur mit Liegenschaft | 1,1 % vom Wert, in der Familie vom dreifachen Einheitswert, höchstens von 30 % des Werts | je nach Liegenschaft |
| Grunderwerbsteuer, nur mit Liegenschaft | Stufentarif von 0,5 % bis 3,5 % vom Grundstückswert | je nach Liegenschaft |
| Gutachten, Schätzung | nach Aufwand | nur wenn nötig |
Tabelle seitlich verschiebbar
Notargebühr: eigene Berechnung nach § 13 GKTG, gerundet. Pauschalgebühr: Tarifpost 8 GGG, siehe Kosten eines Verlassenschaftsverfahrens. Grundbuch: Tarifpost 9 und § 26a GGG. Grunderwerbsteuer: BMF. Stand aller Werte November 2026.
Die Wohnung während der Verlassenschaft
Der Mietvertrag endet mit dem Tod des Mieters nicht (§ 14 Abs. 1 MRG). Die Miete läuft weiter und belastet den Nachlass.
Eintrittsrecht nach § 14 MRG
Im Anwendungsbereich des Mietrechtsgesetzes treten nahe Angehörige automatisch in den Mietvertrag ein, wenn sie mit dem Verstorbenen dort gewohnt haben und ein dringendes Wohnbedürfnis haben. Das gilt für Ehegatten, eingetragene Partner, Lebensgefährten nach drei Jahren gemeinsamem Haushalt oder gemeinsamem Einzug, Verwandte in gerader Linie und Geschwister. Wer nicht eintreten will, sagt das dem Vermieter binnen 14 Tagen nach dem Tod (Eintritt in einen Mietvertrag).
Kündigen, wenn niemand eintritt
Tritt niemand ein, bleibt der Mietvertrag bei der Verlassenschaft. Erben und Vermieter können ihn dann nach § 1116a ABGB mit der gesetzlichen Frist kündigen, die Mietervereinigung Österreichs nennt einen Monat. Vor der Einantwortung kündigt, wer die Verlassenschaft vertritt: die Erben, die eine Erbantrittserklärung abgegeben und ihr Erbrecht ausgewiesen haben, gemeinsam (§ 810 ABGB), oder ein Verlassenschaftskurator, den das Gericht bestellt, wenn sich die Erben nicht einigen (§ 173 AußStrG). Stimmen Sie die Kündigung mit dem Gerichtskommissär ab, er bestätigt die Vertretungsbefugnis mit einer Amtsbestätigung.
Wer räumen darf
Niemand darf eine Erbschaft eigenmächtig in Besitz nehmen (§ 797 ABGB), und Angehörige mit Schlüssel müssen jede Verfügung über die Verlassenschaft unterlassen (§ 147 AußStrG). Verkäufe aus dem Nachlass brauchen vor der Einantwortung die Genehmigung des Gerichts, wenn sie über den ordentlichen Wirtschaftsbetrieb hinausgehen. Wird ein Inventar erwartet, darf erst nach der Aufnahme darin verkauft werden (§ 810 ABGB). Vor einer Räumung klären Sie den Termin deshalb mit dem Gerichtskommissär ab und halten die Zustimmung aller vertretungsbefugten Erben schriftlich fest.
Was Sie in den ersten zwei Wochen tun können
- Sterbeurkunde besorgen, Begräbnisrechnungen aufheben. Geld für ein einfaches Begräbnis kann der Gerichtskommissär aus dem Nachlass freigeben (§ 148 AußStrG).
- Hausverwaltung oder Vermieter schriftlich informieren und nach der Kündigungsfrist fragen.
- Eintrittsberechtigte Mitbewohner, die den Mietvertrag nicht übernehmen wollen, erklären das binnen 14 Tagen.
- Wohnung sichern: absperren, Fenster schließen, verderbliche Lebensmittel entsorgen, Post holen.
- Wertsachen und Bargeld fotografieren und auflisten, in der Wohnung lassen oder nur gegen Protokoll verwahren.
- Unterlagen für die Todesfallaufnahme sammeln: Testament, Kontounterlagen, Sparbücher, Versicherungen, Grundbuchsunterlagen, Fahrzeugpapiere.
Wertgegenstände: Liste und Fotos beugen Streit vor
Bei mehreren Erben beugt eine Fotoliste aller Wertgegenstände dem typischen Streit vor, was am Todestag in der Wohnung war. Hausrat von offensichtlich geringem Wert darf im Inventar nach den übereinstimmenden Angaben aller Parteien bewertet werden, sonst zieht der Gerichtskommissär einen Sachverständigen bei (§ 167 AußStrG). Fotos erleichtern diese Einigung.
- Jeden Raum fotografieren, bevor etwas bewegt wird
- Schmuck und Münzen einzeln aufnehmen, Punzen und Signaturen in Nahaufnahme
- Eine Liste mit Fundort, Beschreibung, Zustand und geschätztem Wert führen
- Bargeld und Sparbücher nur zu zweit zählen und gegenzeichnen
- Die Liste allen Erben schicken, bevor irgendetwas weggegeben wird
Was Möbel und Bilder aus Nachlässen bei Händlern bringen, steht im Beitrag über den Antiquitäten-Ankauf in Graz. Für Kupfer und Messing aus Keller und Werkstatt gelten die aktuellen Altmetall- und Schrottpreise.
Wann sich die Räumung durch eine Firma rechnet
Eine Räumung durch eine Firma rechnet sich bei einer Verlassenschaft vor allem, wenn die Miete weiterläuft: Bei 700 Euro Monatsmiete kosten zwei Monate Leerstand 1.400 Euro, die Räumung einer 2-Zimmer-Wohnung kostet in Graz als Richtwert 900 bis 1.800 Euro, Stand Oktober 2026.
- Die Hausverwaltung will einen Übergabetermin und jeder Monat kostet Miete
- Die Erben wohnen weit weg und können nicht wochenlang sortieren
- Mehrere Erben brauchen eine schriftliche Aufstellung, was zu welchem Preis verwertet wurde
- Keller und Dachboden sind voll, die Wohnung liegt im oberen Stock ohne Lift
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Häufige Fragen
Wie lange dauert eine Verlassenschaft in Österreich?
Ohne Streit und ohne Liegenschaft meist 6 bis 12 Monate. Mit Liegenschaft oder mehreren Erben sind 12 bis 18 Monate üblich, bei Streit länger.
Was kostet der Notar bei einer Verlassenschaft?
Die Gebühr richtet sich nach dem Aktivvermögen und steht im Gerichtskommissionstarifgesetz. Bei 100.000 Euro sind es rund 2.800 Euro netto plus Umsatzsteuer und Barauslagen, dazu 5 Promille Gerichtsgebühr.
Was fällt nicht in die Verlassenschaft?
Eine Lebensversicherung mit namentlich genanntem Bezugsberechtigten geht direkt an diese Person. Auch die Mietwohnung gehört nicht dazu, wenn ein eintrittsberechtigter Angehöriger nach § 14 MRG den Mietvertrag übernimmt.
Darf ich die Wohnung vor der Einantwortung räumen?
Grundsätzlich ja, wenn alle zustimmen, die die Verlassenschaft vertreten, und der Termin mit dem Gerichtskommissär abgestimmt ist. Verkäufe brauchen vorher oft die Genehmigung des Gerichts.
Wer zahlt die Miete bis zur Rückgabe der Wohnung?
Die Miete ist eine Schuld der Verlassenschaft und wird aus dem Nachlass bezahlt. Je früher gekündigt und geräumt wird, desto weniger fällt an.
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